Chronik des Diadems

Chronik des Diadems


Vor genau 50 Jahren begann mein Leben als Königinnenkrone des Bürger-Schützen-Vereins Lüdenscheid. Ich war damals mächtig stolz auf diese Würde und versprach mir ein recht stilles Dasein. Aber da hatte ich mich ganz schön geirrt. Mittlerweile weiß ich wie anstrengend und aufregend so eine „Königinnenwürde“ sein kann. Von diesen 50 Jahren meines interessanten Lebens möchte ich nun hieran dieser Stelle berichten.

Es begann damit, dass ich zum ersten Mal auf den Kopf einer Königin gesetzt wurde. Welch ein tolles Gefühl das ist, von allen Leuten bewundert zu werden, brauche ich wohl nicht näher zu beschreiben. Oben auf dem Kopf fühlte ich mich pudelwohl und dachte, dass ich hier sicherlich recht gut mein Leben verbringen könne. Doch kaum hatte ich mich an Haarfarbe und Duft der Haare gewöhnt, so wurde ich nach einem Jahr auf den nächsten Kopf gesetzt. Mit so etwas war nicht zu rechnen, hatte ich doch von Kolleginnen gehört, dass sie höchstens 2 oder 3 verschiedene Köpfe zu schmücken brauchten. Aber jedes Jahr ein anderes Haupt, eine andere Frisur, in die ich hineingesteckt und -geschoben wurde? Na ja ,das fing ja gut an.Am Schlimmsten war es bei Königinnen mit sehr feinen Haaren. Bei ihnen wurde ich mit komischen Drahtdingern, ich glaube „Splinten“ nennt man sie, festgesteckt, so dass ich wie gefesselt war und mich nicht mehr rühren konnte. Selbst beim Kippen mancher Schnäpschen fiel ich nicht mehr vom Kopf meiner Trägerin. Dabei hat mir solch ein Sturz mal schwer zu schaffen gemacht. Ich war leicht verbeult und mir tat der Kopf sehr weh. Ich glaube, „Kater“ nennt man das, den meine Königin sprach am nächsten Tag von Kopfweh und „Kater“.Fast jedes Mal, wenn ich getragen wurde, sprühte man so klebriges Zeug auf mich. Wie ich hörte, sollte es die Frisur meiner Trägerin zusammenhalten. Dieses sogenannte „Haarspray“ stank meist abscheulich und klebte überall. Einmal passierte es, dass ich auf einen Kopf kam, der mich gar nicht haben wollte. Da hatte der Mann meiner neuen Trägerin einfach den Vogel abgeschossen und wurde König, ohne vorher seine Frau, die mich schließlich tragen musste, zu fragen. So war ich für manche Königin ein lästiger Kopfschmuck und habe ich so viel von den Köpfen meiner Trägerinnen berichtet, obwohl ich doch die kürzeste Zeit meines bisherigen Lebens dort verbracht habe, denn schließlich wurde ich ja nur bei Königsbällen, Kommersen, Empfängen oder Schützenfesten getragen.Die meiste Zeit meines Daseins habe ich in irgendwelchen schummrigen Ecken, dunklen Kartons oder einfachen Plastiktüten verbracht. Ging es zu irgendwelchen festlichen Anlässen, bei denen ich getragen werden sollte, so wurde ich entweder bei meiner Trägerin zu Hause kunstvoll in ihr Haar gesteckt oder ich wurde in einer Plastiktüte zu dem jeweiligen Fest getragen und dort von der Adjutantenfrau oder einer Hofstaatdame auf irgendwelchen Toiletten oder in anderen versteckten Winkeln meiner Trägerin aufgesetzt. Da aber eine Majestät nicht gut aussieht, wenn sie mit einer Plastiktüte zu einer Festlichkeit geht, wurde die Tüte mit mir als Inhalt zuvor manchmal auch in einem Schirm versteckt. Wenn die Königin mich dann allerdings während des Festes leid war, so kam ich wieder in die Tragetasche die wiederum in den Schirm, und so hing ich manchmal stundenlang einsam und verlassen an irgendwelchen Garderoben herum. Manche Trägerin holte mich dann gelegentlich wieder heraus, setzte mich einfach auf ihren Kopf und ging dann auf den Schützenplatz zum Essen oder um eine Platzrunde zu machen. Sie war der Meinung, dass sie mit mir auf ihrem Haupte schneller und besser bedient würde. Ich wusste gar nicht, dass ich zu „so etwas“ auch Nütze sei. Auf so einem Schützenplatz habe ich einiges erlebt. Da gibt es doch Leute, die mich einfach vom Kopf der Königin rupfen wollten. Doch, Gott sei Dank, hat dies bisher noch niemand geschafft. Bei etlichen Platzrunden wurde ich auch in die verrücktesten Karussells geführt. Hier wurde es mir manchmal ganz schön übel. Ich dachte, ich würde vom Kopf meiner Königin geschleudert. Diese Karussellfahrten waren und sind für mich immer wieder eine Qual, denn in sehr jungen Jahren passierte es mir, dass ich während einer Fahrt auf der Achterbahn vom Kopf der Majestät flog. Ich purzelte durch das Gestänge des Fahrgeschäftes und landete direkt im Getriebe. Da war die Sorge groß um mich. War ich doch bis aufs Letzte verbeult und demoliert und sah aus wie ein Klumpen Blech. In einer Nacht- und Nebelaktion wurde ich von einem Fachmann wieder zusammengeschustert, denn am nächsten Tag musste ich das Haupt meiner Trägerin zum eigenen Schützenfest wieder schmücken.Vor noch nicht allzu langer Zeit hatte meine neue Trägerin großes Nachsehen mit mir. Sie stellte fest, dass doch etliche Teilchen an mir recht schief seien und war der Meinung, dass mal eine Generalüberholung fällig sei. So wurde ich fortgebracht. Ich kam mir vor wie auf einer Schönheitsfarm. Alles Verbeulte und Verbogene wurde gerichtet und an seinen Platz (gezupft. Anschließend kam ich in ein angenehmes Bad, und als ich mich danach im Spiegel betrachtete, erstrahlte ich in einem neuen Glanz. Diese Generalüberholung kam mir vor wie ein Jungbrunnen und ich glaube, dass Ich nun noch viele Jahre als Königinnenkrone des Bürger-Schützen-Verein e. V. Lüdenscheid existieren werde. Denn trotz der vielen Aufregungen macht mir mein Leben recht viel Spaß, und es ist interessant, was man mit den jeweiligen Majestätinnen so alles erleben kann.50 aufregende, schöne Jahre, 50 verschiedene Häupter, ein paar Mal knapp mit dem Leben davon gekommen. Ich hoffe, dass ich noch viele Köpfe des Bürger-Schützen-Verein e. V. Lüdenscheid zieren darf.